Rosita Jany

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Am 1. Mai 1973 bin ich in Oberrad in die SPD eingetreten. Damals war die „Parteizentrale“ die Gaststätte „Zum Depot“ und in deren Musikbox konnte man/frau die Internationale abspielen. Seit 1973 bin ich nicht nur Mitglied, sondern habe mich gleich aktiv eingebracht (wie heute im Sozioplogen-Deutsch gesagt wird). Angefangen habe ich meine Arbeit bei den Jungsozialisten (Juso AG). Mit dem Wort Jusos konnte man in dieser Zeit die Leute in Angst und Schrecken versetzten und wir waren die Feinde schlechthin. Nicht umsonst kursierte damals der Witz, dass in der Bild-Zeitung gestanden hätte „Juso beißt kleines Kind“. Da in Oberrad die Welt aber immer schon in Ordnung war, haben wir lediglich die Internationale dreimal hintereinander spielen lassen, wenn jemand das Depot betrat, den wir in Verdacht hatten, dass dieser dem konservativen Lager zuneigt. Nachher haben wir dann mit dem „Feind“ friedlich ein Bier getrunken.Eigentlich wollte ich schon viel früher in die SPD eintreten und bin schon in meiner Schülerzeit zu Parteiveranstaltungen gegangen. Das war in der Autostadt Wolfsburg, dort bin ich aufgewachsen. Nur durfte mein Vater das nicht wissen, denn bei dem war aus der Nazizeit noch viel hängen gelieben, wie bei vielen Vätern, die im sogenannten Dritten Reich groß geworden waren und dann gleich in den Krieg geschickt wurden. Viele kamen aus diesem Krieg traumatisiert und trotzdem unbelehrbar zurück.

Damit so etwas nie wieder passieren konnte, dafür stand für mich die Sozialdemokratische Partei, die als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte.Ich ging dann ein bißchen Volkswirtschaft studieren in Köln. Das war die Universität, die berühmt war für ihre sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Insofern und weil in Köln andere Dinge Vorrang hatten – wie der Karneval- fand die Revolution 1968 dort nur sehr gemäßigt statt. Das äußerste an revolutionärem Tun gipfelte darin, ein Plakat über de Eingang mit dem Titel „Radio-Luxemburg-Universität“ – in Anlehnung an Rosa-Luxemburg – kurzzeitig aufzuhängen. Aber ich hatte – wie viele Studentinnen und Studenten damals – rote Brause im Kopf und wollte mithelfen, die Gesellschaft umzukrempeln mit den Ideen von Rudi Dutschke. Und dafür erschien mir keine der etablierten Parteien geeignet zu sein. Auch die SPD nicht. Irgendwann zog ich nach Oberrad und an der Frankfurter Universität lernte ich einen Assistenten im Seminar für sozialistische Wirtschaftssysteme kennen und der schwärmte von der Juso AG in Oberrad. Na, ja , dachte ich: Da kannst Du ja mal vorbeischauen. Ich hatte mir vorher ein paar Vorstandssitzugen bei der DKP Sachsenhausen angetan und die hatten mich in Angst und Schrecken versetzt. So ein autoritärer Ton herrschte dort und die Mitglieder hatte Hausaufgaben zu machen in der Form, dass sie vorgefertigte Antworten auswendig lernen mussten. In der Juso AG der SPD-Oberrad ging es überhaupt nicht autoritär zu. Dafür fanden hochpolitische Diskussionen statt und es wurde fast jeden Montag die Revolution ausgerufen – so wie ich es mir immer gewünscht hatte. Wie man/frau weiß, hat diese Revolution bis heute nicht stattgefunden. Wir sind weiter von der gerechten Aufteilung des Wohlstandes entfernt als vor dreißig Jahren. Damals hat die Zeit des Wirtschaftswunders vieles verkleistert.
Aber ich bin seit damals SPD-Mitglied und stolz darauf. Mein Großvater wäre auch stolz auf mich gewesen. Er ist 1918 in die Partei eingetreten. Seine Urkunde für 50 Jahre Parteimitgliedschaft hat bei mir zu Hause einen Ehrenplatz. Er war im Reichsbanner schwarz-rot-gold. Das war ein Veteranenverband, in dem Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges ihre Kriegserfahrungen mit ihrem Eintreten für die Weimarer Republik verbanden. Das ist sehr vornehm ausgedrückt. Man kann auch sagen, deren Hauptziel bestand darin, die Nazis zu verkloppen. Ich fühle mich meinem Großvater gegenüber aber auch verpflichtet, in einer Partei mitzuarbeiten, die auf eine solche lange demokratische Tradition verweisen kann